Interview: Daphne de Visser und Bloggerin Lina von Kultreiter

Lina ist pferdebegeistert und bloggt erfolgreich auf kultreiter.com. Bei ihrem Besuch bei uns in Hamburg hatte sie eine Menge Fragen an Daphne de Visser...

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1. Wie bist Du zu Deiner Leidenschaft, den Shire Horses, gekommen?

Ich hatte schon immer eine Vorliebe für besonders große und außergewöhnliche Tiere – egal ob Riesenkaninchen, Riesenkröte oder Wölfe, ich mag das Ungewöhnliche. So auch bei Pferden. Tatsächlich war es so, dass ich mit vier Jahren zum ersten Mal geritten bin, damals bei unserem Nachbarn, der nur Großpferde hatte. Als ich dann mit 6 Jahren das meinen Reitunterricht begonnen habe, sollte ich mich mit einem der Shettys begnügen. Obwohl ich selbst wirklich noch klein war, wollte ich auf keinen Fall auf ein Pony – die waren mir auch da schon viel zu klein.

Mein erstes eigenes Pferd war eine Warmblutstute, mit der ich auch zahlreiche Turniere gegangen bin. Als mein Vater und ich dann 1996 auf der Suche nach einem weiteren gemeinsamen Pferd waren, sollte es unbedingt ein großes und schweres sein, gern auch mit Socken. So kamen wir auf Shire Horses, hatten aber beide vorher noch nie auf einem gesessen oder gar eines gesehen. Trotzdem haben wir uns vom Fleck weg in die Shire Stute Crystal verliebt und sie sofort gekauft. Sie war zweieinhalb Jahre alt und wurde noch nicht geritten, da sie vor allem als Zugpferd Verwendung finden sollte. 

Als ich sie einige Zeit später eingeritten hatte, lief sie sogar deutlich besser als mein eigentlich tolles Turnierpferd! Und das, obwohl mir von allen Seiten gesagt wurde, ich solle keinerlei Dressurlektionen von Crystal erwarten… 

Sam und Jos habe ich übrigens seit 8 und 12 Jahren, Sam kam mit 5 zu mir, Jos mit 6. 

2. Was macht für Dich ein tolles Pferd aus? (Erzähle gerne etwas von Sam und Jos)

Optisch ist ein Shire für mich dann schön, wenn die Proportionen stimmen. Konkret bedeutet das, dass das Verhältnis von Kopf, Rücken und Beinen stimmen muss. In der Zucht wird heute Wert auf lange Rücken und elegante, schmale Beine gelegt – dieser moderne Typ gefällt mir nicht so richtig. Ich mag meine Shires mit ihren stabilen Beinen und weniger langen Rücken. Das aber nur zum Äußeren. Viel wichtiger sind natürlich auch beim Pferd die inneren Werte. 

Was ich an Shires besonders liebe, ist, dass sie sehr intelligent sind. Außerdem sind sie stets ruhig und sehr überlegt. Anders als ein Warmblut sind sie neuen Lektionen gegenüber nicht erstmal abgeneigt sondern wägen ganz genau ab und wollen verstehen, was ich von ihnen verlange. Haben sie eine Lektion erst einmal verstanden und erlernt, wollen sie auch immer alles geben – besonders „Jos“ gibt bei seinen Lieblingslektionen eher 120% und will mich immer wieder von Neuem beeindrucken. Wenn sie etwas gelernt haben, vergessen sie es übrigens so schnell nicht wieder. Auch ohne konkretes Training könnte ich eine Lektion nach zwei Jahren abfragen und meine Shires würden sie mir fehlerfrei zeigen. 

Ihre Ruhe bedeutet übrigens keineswegs, dass sie langsame Tiere sind – im Gegenteil, sie sind energiegeladen und kraftvoll.  

Wer einem Shire mal in die Augen geschaut hat, der weiß: Vor einem steht ein Freund. In den Augen eines Warmbluts hingegen sehe ich zum Beispiel eher seine Energie und die ständige Wachsamkeit. 

Zu guter Letzt liebe ich natürlich ihre Ausstrahlung – ganz klar, sonst würde ich mit ihnen keine Shows reiten wollen. Fast egal, was sie zeigen und wie sie sich dabei anstellen, Shires sehen einfach immer toll aus! 

3. Warum hat die Pferderasse für Dich wenig mit der Eignung zur Dressur zu tun?

Das sehe ich selbst ein bisschen anders. Für mich sind Shires absolut zur Dressur geeignet, sonst würde ich sie nicht ausbilden oder gar in Shows präsentieren. Aber mir ist natürlich klar, dass viele Menschen und Reiter da grundsätzlich anderer Meinung sind. Klar, mit Dressur verbindet man in erster Linie Eleganz und Leichtfüßigkeit. Eigenschaften, die man einem Shire Horse jetzt nicht unbedingt zuschreiben würde. 

Für mich bedeutet Dressur aber, Lektionen auf die richtige Weise zu zeigen, das Pferd richtig zu gymnastizieren – auf spielerische Weise natürliche Bewegungen abzuverlangen. Dabei sind dann die Rasse und auch der Körperbau eigentlich nebensächlich. 

Die Haltung der Anderen war aber schon immer mein Ansporn, erst recht zu zeigen, wie viel Eleganz auch in einem Shire stecken kann – insofern bin ich dankbar für jeden Zweifler. 

Grundsätzlich ist die Eignung für bestimmte Lektionen aber auch immer eine Frage des individuellen Talents und nicht unbedingt nur der Rasse. Während ich mit Jos immer wieder an der Perfektionierung seiner Piaffe arbeite, hat Sam mit seiner Passage noch jeden Kritiker restlos überzeugen können. 

4. Wie gestaltest Du die Ausbildung und das Training Deiner Pferde?

Tja, Details kann ich natürlich nicht verraten – das ist mein Geheimnis. 

Aber meine Grundregeln bei der Ausbildung von Shires lauten Geduld und Ruhe und vor allem viele Wiederholungen. Anders als bei vielen anderen Pferderassen bringen Kraft oder gar „Gewalt“ überhaupt nichts. Abgesehen davon, dass ich von solchen Trainingsmethoden grundsätzlich gar nichts halte, sind diese bei Shires absolut kontraproduktiv. Sobald du sie mit vollem Körpereinsatz zu etwas zwingen willst, setzen sie ihre Kraft aus Angst oder Missfallen gegen dich ein. Bei einem 1.200kg-Tier kann man da selbstverständlich nur verlieren. 

Meine Trainings halte ich übrigens immer kurz – 5-6 Mal pro Woche trainiere ich ca. 20 Minuten, maximal eine halbe Stunde. Dann fordere ich aber meist alle Lektionen ab – was nicht so gut klappt, trainiere ich beim nächsten Mal dann intensiver. 

Wenn es daran geht, etwas Neues zu erlernen, lasse ich alles andere lieben und übe nur diese eine Lektion. Das geht je nach Charakter und Lektion mal schneller, mal langsamer. Ein dominantes Pferd beispielsweise lernt eine eher dominante Lektion wie den spanischen Schritt um einiges schneller als etwa das Hinlegen. Etwas, was ich Jos übrigens niemals abverlangen könnte – das würde seinen starken Charakter unterdrücken und unsere enge Bindung sogar gefährden. Den spanischen Schritt hingegen hat er – ebenso wie Sam – in wenigen Minuten gelernt. 

Shires sind grundsätzlich zwar nicht sehr dominant – Rappen allerdings oft schon. Insgesamt habe ich inzwischen zwölf schwarze Shire-Hengste ausgebildet und musste immer wieder feststellen, dass sie ein anderes Temperament an den Tag leben, als ihre Artgenossen. Das liegt daran, dass vor ca. 20 Jahren vor allem Rappen mit weißen Socken erwünscht waren, was für unnatürlich viel Einzucht sorgte. Davon ist auch mein lieber aber eben überdurchschnittlich temperamentvoller Jos „betroffen“. 

 

5. Welche Übungen kannst Du für schwere Pferde zur Gymnastizierung besonders empfehlen? 

Die besten Übungen zum Gymnastizieren von Shires sind für mich ganz klar Schulterherein, Travers und Renvers.

Das ist zwar bei diesen kräftigen Tieren ganz besonders schwierig, weil alle drei Übungen ja die Stellung und Biegung des gesamten Körpers erfordern. Aber gerade dafür liebe ich sie einfach. Sie fördern den Muskelaufbau, die Gelenkigkeit, die Beweglichkeit und die Durchlässigkeit, sind super für den Gleichgewichtssinn und damit für mich die Grundlage für ein gesundes Pferd und vor allem das Erlernen von weitern Lektionen. 

Das ist sicherlich naheliegend: Aber ich bin der Meinung, mir Shires sollte man niemals springen – zumindest nicht, wenn man Wert auf ein glückliches und vor allem gesundes Pferd legt. 

 

6. Gibt es Übungen, die sich im Training tatsächlich schwieriger gestalten?

Die Antwort ist quasi dieselbe wie oben. Schulterherein und damit die Stellung und Biegung des gesamten Körpers ist bei einem Pferd, das über 1.000 Kilogramm wiegt, eine echte Herausforderung. Bis die Hilfen einmal gelernt sind, braucht man wirklich eine Beinmuskulatur wie ein … ich sage mal übertrieben… Boxer, damit der Druck auf die entsprechende Stelle auch wirklich ankommt. Aber hier wie bei allen anderen Lektionen: Was einmal sitzt, lässt sich jeder Zeit wieder abrufen. 

7. Was sind Deine drei besten Tipps, um aus Kaltblütern echte Dressurpferde zu machen?

Das ist ganz leicht: 

1.       Ruhe: Shires lernen ohne Druck und nur, wenn sie entspannt sind. Vor allem wollen sie verstehen, was ihr Reiter von ihnen will. Das zu vermitteln gelingt nur mit der nötigen Ruhe und Gelassenheit. In dem Moment, wo ein Shire nicht versteht, was du von ihm willst, oder es deine Anweisungen und Hilfen für keine gute Idee hält, setzt es schon mal seine gesamte Kraft gegen dich ein – als Reiter bist du damit also völlig machtlos. 

 

2.       Wiederholung: Shires lernen langsamer als andere Pferde und durch viele Wiederholungen. Sie sind dabei ein bisschen wie Esel – haben sie eine Lektion einmal verstanden, vergessen sie sie auch so schnell nicht wieder. Aber dafür muss sie einmal richtig sitzen. Je besser die Lektion zum jeweiligen Charakter und natürlich dem Talent des Pferdes passt, umso schneller und leichter lernt das Tier natürlich auch.  

3.       Keine Gewalt 
Zu viel Druck oder gar die Anwendung von Gewalt sind immer nur kontraproduktiv. Das Shire will und muss verstehen und freiwillig arbeiten. Zwang führt nur dazu, dass es sich zur Wehr setzt und seine Mitarbeit ganz verweigert. Das kann bei einem 1.200kg-Tier schon mal sehr unangenehm werden. 

 

8. Wie fühlt es sich an, auf einem so großen und schweren Pferd hohe Dressurübungen zu reiten?

Sensationell!!! Es ist wirklich eines der besten Gefühle, die ich kenne. Wenn es einem gelungen ist, dem Pferd eine neue Dressurübung beizubringen, erfüllt es einen mit unbeschreiblichem Glück. Ganz einfach aus dem Grund, weil man sich sicher sein kann, es auf dem richtigen Wege geschafft zu haben. Das Pferd hat einen verstanden, macht freiwillig mit und mag einen noch immer. 1.200 Kilogramm Muskeln bewegen sich freiwillig unter dir und vor allem für dich. Das ist wirklich unbeschreiblich! 

 

9. Würdest Du jemals wieder eine andere Pferderasse reiten wollen?

Also als Showreiterin: Nein. 

Grundsätzlich ist es aber außerhalb von APASSIONATA und damit vor allem im Sommer mein Job, Problempferde zu bereiten. Ich habe nämlich festgestellt, dass was man einem Shire beibringt und mit ihm schafft, gelingt auch mit deutlich weniger Kraftaufwand bei jedem anderen Pferd. 

Besondere Freude habe ich daran, Pferden zu helfen, die der Tierarzt als „unreitbar“ einstuft. Ohne es genau beschreiben zu können, spüre ich einfach, wo ein Tier Schmerzen hat und auch wo ihre Ursachen sitzen. Beim Reiten gelingt es mir dann vor allem durch Training, welches das Gleichgewicht der Tiere fordert und fördert, sie einzurenken und ihnen zu zeigen, dass es alle vier Beine benutzen müssen. 

Das gibt mir ein doppelt gutes Gefühl – ich kann dem Pferd helfen, freue mich selbst natürlich auch über den Erfolg und zeige aber vor allem auch den Besitzern, wie sie zukünftig richtig mit ihren Tieren umgehen können. 

10. Du bist auch dieses Jahr wieder auf der APASSIONATA dabei. Wie kam es dazu, dass Du Teil dieser Show bist?

Zu APASSIONATA kam ich im Jahr 2008, als das Kreativteam aktiv nach einer Shire-Reiterin gesucht hat. Noch nie zuvor gab es bei APASSIONATA Shire Horses. Die Suche führte das Team über den Shire-Horse-Verein schließlich zu mir und eins führte zum anderen. 

Lustiger Zufall übrigens: Erst ein Jahr zuvor war ich selbst das erste Mal als Zuschauer bei APASSIONATA und war sofort überzeugt, wie spektakulär Shires in der Show wären.  Ich bin allerdings nie auf die Idee gekommen, mich selbst zu bewerben. Aber als mein Telefon klingelte, war ich sofort Feuer und Flamme. 

  

 

 

11. Was können wir im diesjährigen APASSIONATA Show-Programm von Dir und Deinen Pferden erwarten?

Das kann ich doch jetzt noch nicht verraten! Das wird schließlich eine Überraschung. Aber so viel sei gesagt: Mit Sam und Jos werde ich zwei spektakuläre Nummern und tolle Lektionen zeigen – mit sensationeller Musik und tollen Kostümen. Ich freue mich selbst schon riesig auf die Show!